Strategien des Nützlingseinsatzes
A. Einsatz bei vorhandenem Schädlingsbefall
Werden Nützlinge erst bei vorhandenem Schädlingsbefall bestellt, sollte die Beschaffung und Ausbringung so bald wie möglich erfolgen. Wichtig ist bei diesem Verfahren, daß der Bestand mindestens zweimal wöchentlich auf Schädlinge kontrolliert wird. Dies erfordert neben einem erhöhten Zeitaufwand auch Fachkenntnisse und Hilfsmittel. Dabei können die Bestandeskontrollen auch genutzt werden, um Befall mit pilzlichen Erregern sowie anderen Pflanzenkrankheiten und Wuchsstörungen rechtzeitig festzustellen. Zu den Hilfsmitteln zählen neben einer geeigneten Taschenlupe mit 8 bis 10-facher Vergrößerung auch die im folgenden beschriebenen Klebefallen.
Mit beleimten Gelbtafeln kann ein Schädlingsbefall von Minierfliegen, Weißer Fliege, Trauermücken und geflügelten Stadien von Blattläusen festgestellt sowie deren Befallsverlauf überwacht werden. Einige Tafeln sollten dicht über dem Boden, andere kurz über dem Bestand und in Lüftungsnähe aufgehängt werden. Die Insekten werden durch die gelbe Farbe angelockt und bleiben auf dem Leim kleben. Ein direkter Bekämpfungs-effekt ist ab einer Fallendichte von 1 Tafel auf 5m2 möglich.
Mit beleimten Blautafeln läßt sich ein Befall von Thripsen feststellen und überwachen. Speziellen Lockstoffallen in denen sich der Sexuallockstoff (Pheromon) von Schmetterlings-weibchen befindet, gehen die Männchen der entsprechenden Art auf den Leim. Die synthetisch hergestellten Pheromone werden im Obst- und Weinbau auch zur Verwirrung von Schmetterlingsmännchen eingesetzt.
Nach der ersten Ausbringung von Nützlingen sollte der Befallsverlauf weiterhin kontrolliert werden, damit ein eventuell notwendiger zweiter Einsatz rechtzeitig vorgenommen werden kann. Eine andere Möglichkeit besteht in einer festen Terminierung der zweiten Freilassung, z.B. nach 14 Tagen.
B. Prophylaxe: Vorbeugende Nützlingsausbringung
In Kulturen, die keinen Schädlingsbefall zulassen, wie z.B. häufig im Zierpflanzenbau, müssen die Nützlinge vor den Schädlingen im Gewächshaus vorhanden sein. Dies ist durch zwei Methoden möglich:
1. durch Ansiedeln (Etablieren) von Nützlingen auf Ausweichwirten (offene Zucht, siehe unten)
2. duch regelmäßiges (wöchentliches) Ausbringen der Nützlinge
Bei der Produktion von Weihnachtssternen z.B. wird normalerweise zwei Wochen nach dem Topfen der Stecklinge mit regelmäßigen Freilassungen von Encarsia formosa gegen die Weiße Fliege gearbeitet. Wenn in wöchentlichen Abständen 2 bis 3 Encarsia-Schlupfwespen je Quadratmeter Kulturfläche ausgebracht werden, sollte der Bestand befallsfrei bleiben.
Offene Zucht: Etablierung von Nützlingen auf Ausweichwirten
Insbesondere in Gurkenkulturen, wo sich Blattläuse sehr schnell vermehren, setzen einige Gartenbaubetriebe ein anderes Verfahren mit Erfolg ein: das der offenen Zucht von Nützlingen. Schon sechs Wochen vor dem Pflanztermin der Gurken wird hierfür in Saatschalen Weizen ausgesät. Nach einer Woche werden dann bei der Nützlingsfirma Getreideblattläuse bestellt und die Weizenpflanzen damit geimpft. Haben sich die Getreideläuse entsprechend vermehrt, was nach ca. 3 bis 4 Wochen der Fall ist, werden Gallmücken bzw. Aphidius-Schlupfwespen auf die Weizenpflanzen ausgesetzt. Dies hat den Vorteil, daß die Nützlinge sich schon vor den Blattläusen im Gewächshaus etabliert haben, erfordert aber ein genaues Beobachten der Populationsentwicklung von Getreideblattläusen und Gallmücken. Die Saatschalen müssen in regelmäßigen Abständen ausgetauscht und erneut mit Weizen besät werden, da das Getreide durch den Blattlausbefall so stark geschädigt werden kann, daß es eingeht.
Möglichkeiten des chemischen Pflanzenschutzes beim Nützlingseinsatz
Die Verwendung von Pestiziden ist im konventionellen Erwerbsgartenbau weiterhin von Bedeutung, insbesondere bei der Bekämpfung von pilzlichen Erregern. Für den Anwender stellt sich die Frage, wie schädlich sind diese Mittel für die jeweiligen Nützlinge in seiner Kultur und wie lang sind die Wartezeiten für später auszubringende Nützlinge. Forschungen an Universitäten, in Industrie und Behörden haben sich dieser Fragestellung angenommen und es liegen bereits Ergebnisse in Form von umfangreichen Kompatibilitätslisten vor. Pflanzenschutzämter und Nützlingslieferanten geben ausführliche Auskunft zu dieser Fragestellung. Im allgemeinen sind Fungizide weitaus verträglicher als Insektizide und Acarizide. Viele Fungizide lassen sich problemlos mit dem Nützlingseinsatz kombinieren. Neu ist die Entwicklung von pilzlichen Präparaten, die pflanzenschädigende Pilze in ihrem Wachstum unterdrücken. Noch gibt es aber nur für wenige Anwendungsmöglichkeiten geeignete Mittel.
Bei zu spätem Erkennen eines Schädlingsbefalls im Erwerbsgartenbau oder bei unsachgemäßer Anwendung der Nützlinge kann eine einmalige Anwendung eines Insektizides notwendig werden. Dann ist darauf zu achten, daß dieses zumindest als nützlingsschonend eingestuft ist. Über Wartezeiten und Schädigungsgrad sollte sich der Anwender aber trotzdem informieren, da auch diese Mittel einen Teil der vorhandenen Nützlinge vernichten können.
Hobbygärtner sollten auf chemische Pflanzenschutzmittel vollständig verzichten. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von guten biologischen Präparaten zur Pflanzenstärkung bei Pilzbefall und, haben sich Blattläuse, Weiße Fliegen oder Spinnmilben schon zu stark vermehrt, können ungiftige Kaliseifenpräparate gespritzt werden. Übrigens: reine Schmierseife hilft auch! Diese Mittel töten ausschließlich die direkt getroffenen Insekten und Milben. Daher überlebt immer ein Teil der Schädlinge die Behandlung. Sofort nach dem Trocknen des Spritzbelages sollten Nützlinge ausgebracht werden, die dann die verbliebenen Schädlinge abtöten.
Aussichten der Biologischen Schädlingsbekämpfung
Im Gemüse- und Zierpflanzenbau haben Nützlinge bereits einen festen Platz eingenommen. Die Situation wird sich weiter zugunsten der Biologischen Schädlingsbekämpfung verschieben. Wie schnell dies geschiet hängt maßgebend von folgenden Fragen ab:
Wie intensiv wird in Zukunft die amtliche Beratung gefördert?
Wie ändert sich das Verhalten der Verbraucher und Produzenten?
Im Zuge des Personalabbaues im öffentlichen Dienst besteht wenig Aussicht darauf, daß neue Stellen, speziell für die Nützlingsberatung geschaffen werden. Trotzdem sollten Verbraucher(verbände) und Produzenten darauf drängen, denn Nützlingseinsatz ist durch den Verzicht auf Pestizide direkter Umweltschutz und für den Gärtner über kurz oder lang die einzige Methode, der Schädlinge Herr zu werden, da insektizidresistente Schädlingspopulationen und verschärfte Umweltschutzauflagen zunehmen. Deutsche Gärtner würden ohne kompetente Beratung im Vergleich zu den ausländischen Mitbewerbern, insbesondere holländischen Betrieben, nicht konkurrenzfähig sein. Durch `neue´ spezialisierte Nützlingsarten wird der Beratungsbedarf zukünftig noch steigen.
Auch beim Grün im Wohn- Arbeits- und Freizeitbereich, der sogenannten Innenraumbegrünung, wird der Nützlingseinsatz zunehmen. Es hängt viel von einer guten Aufklärung seitens der Medien und Verbände ab, denn es gilt einer verbreiteten, aber unbegründeten Abneigung des Nützlingseinsatzes im Wohnbereich entgegenzuwirken.
Umwelt- und Naturschutzverbände haben sich bisher nur wenig mit dem Thema auseinandergesetzt. Vielleicht aus Unwissenheit oder aber aus einer unbegründeten Angst vor einer Faunenverfälschung durch Nützlinge, zumal zur Zeit dem Anbau heimischer Pflanzen eine überaus hohe Aufmerksamkeit seitens der Naturschutzverbände geschenkt wird. Lediglich auf Förderung natürlich vorkommender Nützlingsarten, wie Florfliege und Marienkäfer zu setzen, ist kein ausreichendes Instrument, das den Profigärtner im Kampf gegen die Schädlinge auf die chemische Keule verzichten ließe, zumal es sich bei den Schädlingen vielfach um eingeschleppte Arten handelt.
Das Arbeiten mit Nützlingen schließt den Einsatz von Pestiziden nicht vollständig aus, erfordert dabei aber spezielle Kenntnisse und achtsames Vorgehen. Biologische Mittel gegen pilzliche Krankheitserreger und Schädlinge sind ebenfalls im Kommen und stellen eine willkommene Ergänzung zu den Nützlingen dar. Es handelt sich um zwei Gruppen von Mitteln.
Pflanzenstärkungsmittel unterstützen die Pflanzen bei der Abwehr des Krankheitserregers. Als Beispiel sei Kieselsäure in Form eines Schachtelhalmauszuges genannt, die die pflanzlichen Zellwände stärkt und auf diese Weise das Eindringen von Pilzsporen erschwert. Eine andere Möglichkeit der Pflanzenstärkung besteht in einem Scheinangriff mit einem harmlosen Erreger. Dieser löst eine Immunabwehrreaktion aus, mit der Folge, daß sich die Pflanze erfolgreich gegen einen nachfolgenden Angriff eines Krankheitserregers wehren kann.
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